Reutlingen zwischen Flammen und Fluten – SER zeigt Wege zu einer klimaresilienten Stadt
Nach der Eröffnung und Grußworten durch Baubürgermeisterin Angela Weiskopf und Landesbranddirektor Thomas Egelhaaf sorgte Dominik „Dodokay“ Kuhn mit seinem Impulsvortrag „Nachhaltigkeit: Nach uns die Sintflut. Aber bitte plastikfrei.“ für einen ebenso unterhaltsamen wie nachdenklichen Einstieg in das Thema Nachhaltigkeit.
Mit seinem Vortrag „Reutlingen zwischen Flammen und Fluten – Wie wandlungsfähig ist die Stadt?“ spannte Torsten Müller einen Bogen zwischen der Stadtgeschichte und den Herausforderungen der Zukunft. Ausgangspunkt war das diesjährige Gedenkjahr, in dem Reutlingen an den Großen Stadtbrand von 1726 erinnert. Während damals Feuer die größte Bedrohung für die Stadt darstellte, zählen heute Starkregen, Hochwasser und zunehmende Wetterextreme zu den zentralen Herausforderungen der kommunalen Daseinsvorsorge.
Anhand historischer Stadtpläne zeigte Müller, dass die mittelalterliche Stadtstruktur aus heutiger Sicht überraschend resilient war. Die außerhalb der Stadtmauer verlaufende Echaz, der Stadtgraben sowie das natürliche Gewässernetz boten einen wirksamen Schutz vor Überschwemmungen – allerdings nicht aus Gründen des Hochwasserschutzes, sondern als Teil der damaligen Verteidigungsanlagen. Aus heutiger Perspektive entsprechen diese Strukturen in vielerlei Hinsicht den Grundprinzipien einer klimaangepassten Stadtentwicklung.
Mit dem Wachstum Reutlingens und der zunehmenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert veränderte sich dieses Gefüge grundlegend. Nach dem Abbruch der Stadtmauer wurden ehemalige Wasserläufe überbaut oder in die Kanalisation integriert. Was damals die Voraussetzung für die städtebauliche Entwicklung schuf, führt heute dazu, dass bei Starkregen frühere Fließwege wieder sichtbar werden. Wasser sucht sich seinen ursprünglichen Weg und fließt oberirdisch über Straßen und Plätze – insbesondere dort, wo natürliche Gewässerstrukturen verschwunden sind.
Der Vortrag machte deutlich, dass die klassische Siedlungsentwässerung an ihre Grenzen stößt. Über viele Jahrzehnte galt das Prinzip, Niederschlagswasser möglichst schnell abzuleiten. Angesichts des Klimawandels ist jedoch ein grundlegender Paradigmenwechsel erforderlich: Regenwasser muss künftig stärker vor Ort zurückgehalten, gespeichert und genutzt werden. Konzepte wie die wassersensible Stadtentwicklung, das Schwammstadtprinzip sowie ein integriertes Starkregen- und Hochwasserrisikomanagement gewinnen deshalb zunehmend an Bedeutung.
Dabei betonte Müller, dass die Anpassung an den Klimawandel nicht allein Aufgabe der Kommunen sein kann. Während Brandschutz oder Erdbebensicherheit durch verbindliche baurechtliche Vorgaben geregelt sind, basiert die Hochwasser- und Starkregenvorsorge bislang weitgehend auf der Eigenverantwortung der Grundstückseigentümerinnen und Grundstückseigentümer. Ob dieser Ansatz angesichts der zunehmenden Klimarisiken ausreicht, stellte er anhand eines aktuellen Praxisbeispiels aus der Hochwasserschutzberatung für ein Einfamilienhaus kritisch zur Diskussion.
Auch die weiteren Beiträge des Themenblocks unterstrichen die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung. Dabei wurde deutlich, dass eine klimaresiliente Stadt nur dann entstehen kann, wenn Stadtplanung, Wasserwirtschaft, Feuerwehr, Architektur und Politik eng zusammenarbeiten.
Torsten Müller: „Die Anpassung an den Klimawandel gehört heute zu den wichtigsten Aufgaben einer modernen Stadtentwicklung. Dabei ist klar, dass jeder Einzelne hier einen Beitrag leisten muss. Insgesamt stehen wir vor einer riesigen Gemeinschaftsaufgabe. Solche Veranstaltungen sind dabei ein wichtiger erster Schritt.“